Angerburg

Wappen AngerburgDer Landkreis Angerburg 929,28 qkm groß, hatte 42 744 Einwohner, das sind 46 auf 1 qkm. Von der Gesamtfläche des Kreises sind fast ein Achtel (109 qkm) Wasserfläche. Von den 67 Seen sind 55 über 5 ha groß, der bis 38 m tiefe Mauersee allein 104 qkm. Er reicht mit seinen zehn Nebenseen von Angerburg bis Lötzen; am bekanntesten sind Dargeinen-, Doben- und Schwenzaitsee; dieser hatte seit 1920 einen besonderen Ruf durch den auf ihm im Winter durchgeführten Eis­segelsport; seit 1929 fand alljährlich die internationale „Angerburger Eissegelwoche“ statt. An der Angerapp, 2 km nördlich des fischreichen Mauersees, liegt in hügeligem Gelände die Kreisstadt Angerburg. Sie ist aus einer Siedlung vor der gleichnamigen Ordensburg ent­standen, die als erste im prußischen Gau Galinden unter dem Hochmeister Dietrich von Altenburg 1335 auf einer Flußinsel erbaut worden war. Als sie die Litauer 1365 zerstört hatten, wurde sie 1398 an einer anderen Stelle in Stein aufgebaut. Sie wurde von einem Pfleger verwaltet und war mehrere Jahrhunderte Verwaltungsmittelpunkt eines Kammer­amts bzw. eines Hauptamts. Sie wurde mehrmals, zuletzt 1845, umgebaut und stark ver­ändert. Die Burgsiedlung, Gerothwol ( = Gerate wohl), dann Neudorf genannt, erhielt 1514 eine Handfeste. 1528 wurde eine Kirche in Holz erbaut. Um 1560 wurde der Mauersee für die Schloßmühle zu seiner jetzigen Höhe aufgestaut. 1571 gründete Herzog Albrecht Friedrich auf dem Boden des Dorfes Neudorf die Stadt Angerburg. Das Burgvorwerk blieb als „Freiheit“ bestehen, es fiel 1691 vom Amt an die Stadt. Der planmäßige Grundriß der Stadt hat einen rechteckigen Markt. Das 1588 erbaute Rathaus brannte 1608 ab. 1605/11 entstand eine neue evangelische Kirche. Die Stadt wurde bei dem Tatareneinfall 1656 zerstört, nur Burg und Kirche blieben erhalten. Bei der Abwehr der Tataren leistete der Amtshauptmann Johann Georg von Auer (+ 1659) tatkräftigen Widerstand. Sein Grabstein ist in die Außen­mauer des Kirchturms eingelassen. Nach dem Wiederaufbau ließen sich in der Stadt neben den überwiegend deutschen Bewohnern Schotten, Litauer und Masowier nieder. Obgleich Angerburg im Pestjahr 1709 bis auf 150 Bewohner ausgestorben war, erholte es sich wieder und entwickelte sich noch im 18. Jahrhundert zu einer der bedeutendsten Städte Masurens. Hierzu hat vor allem der „herrische General“ von Katte beigetragen, dessen Kürassier­regiment von 1718 bis 1740 in Angerburg seine Garnison hatte. Katte ließ 1729 die Neu­stadt, 1740 die „Kasernen“ und die „Wasserkunst“ erbauen, die den städtischen Brunnen fließendes Wasser lieferte. Bedeutend war Angerburgs Getreide- und Leinwandmarkt; seine Tuche und sein Bier waren wegen ihrer Güte begehrt. In der Zeit von 1898 bis 1911 erhielt die Stadt Eisenbahnanschluß nach Nordenburg, Goldap, Lötzen, Rastenburg und Gum­binnen, so daß sie ein wichtiger Knotenpunkt war. Dadurch blühte Angerburgs Fremden­verkehr auf, zumal seit 1856 Dampfschiffe in Angerburg anlegten und den Ausflugsverkehr auf den masurischen Seen förderten. Der Masurische Kanal, der den Mauersee mit der unteren Alle verbinden sollte, ist trotz wiederholter Bauansätze nicht fertiggestellt worden. Einen besonders weiten und guten Ruf erwarb sich Angerburg durch die „Bethesda-Wohl­tätigkeitsanstalten“, deren Anfänge auf das 1880 durch Anna Gräfin von Lehndorff-Steinort gegründete Siechenhaus zurückgehen. Der umfassende Name für die von dem Angerburger Superintendenten D. Hermann Adalbert Braun (+ 1931) während 50 Jahren geleiteten Anstalten besteht seit 1922. Die Anstalten umfassen auf einer Fläche von 427,51 Morgen in 62 Gebäuden ein Kinderkrüppelheim, eine große Lehranstalt mit elf Werkstätten und orthopädischer Klinik, Siechenhäuser, u. a. auch ein Gut. 1943 übernahm die Provinzial­-Verwaltung die Anstalten unter dem Namen „Orthopädische Provinzial-, Heil-, Lehr- und Pflegeanstalt Angerburg“. In der „Schlacht an den masurischen Seen“ vom 8./11. September 1914 spielten sich im Raum Angerburg harte Kämpfe ab. Der würdige Gefallenenfriedhof „Jägerhöhe“ oberhalb des Schwenzaitsees mit einem beherrschenden Fernblick erinnert an die Toten. Ende Januar 1945 ging Angerburg an die Russen verloren und liegt seitdem im polnisch besetzten Teil Ostpeußens. Die Stadt hatte 1939 10 922 Einwohner. — Sie ist der Geburtsort des Heimatschriftstellers Georg A n d r e a s H e l w in g (+1748), der ein anerkannter Botaniker und Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften war.

Ein besonderer Anziehungspunkt im Kreise war die 77 ha große Insel Upalten mit einem herrlichen Eichen-, Ulmen- und Lindenbestand. Auf ihr ruht der im Mai 1931 verstorbene Lehrer und Heimatforscher aus Stobben, A u g u s t Q u e d n a u, unter einer alten Eiche mit weitausladenden Ästen, wenige Schritte vom Wasser entfernt. – Das auf einer Halbinsel des Mauersees gelegene Schloß Steinort der Grafen von Lehndorff, das seit mindestens 1565 in ihrem Besitz war, hat einen herrlichen Park mit einer prächtigen Eichenallee. Das Schloß barg eine umfangreiche, organisch gewachsene Ausstattung mit sehr wertvollen Möbeln, Gobelins, Fayencen, Porzellanen und Fliesen. — Im Kirchdorf Kutten wurde 1588 der Professor C ö l e s t i n  M y s l e n t a geboren; er verfaßte eine Schrift über die Religion der Prußen. Von 1772 bis 1780 amtierte in Kutten der Lehrer, spätere Pfarrer Michael P o g o r z e l s k i, der in die Geschichte und Sage eingegangen ist. Der Schriftsteller Paul Fechter hat ihm einen allerdings ungeschichtlichen Ruhm angedichtet. — Der nahe der Stadt Angerburg gelegene, 145,6 m über NN hohe K o n o p k e b e r g mit einer prächtigen Fernsicht hat Anlaß zu einer Sage mit vielen Variationen gegeben. — Eine Teufelssage knüpft sich auch an die „Kehlsche Mauer“, die = 2 m dick und 4 m hoch — auf dem Friedhof des Dorfes Kehlen steht; dies liegt auf dem Landstreifen zwischen Schwenzait- und Mauersee. —In beherrschender Lage über dem Nordenburger See liegt das Gut Klein-Guja mit einem spätklassizistisch umgebauten Herrenhaus. Die Begüterung war im Besitz der Familie Schenk von Tautenburg und zuletzt des Naturforschers, besonders Ornithologen Walter von Sanden, „der aus dem Erleben des Nordenburgers Sees und seiner Tierwelt“ mehrere Tierbücher und Dichtungen geschrieben hat. Nach der Vertreibung lebte er bis zu seinem Tode 1972 mit seiner Gattin Edith von Sanden, die wertvolle Tierplastiken gestaltet hat, am Dümmer, einem See in Niedersachsen. — Unter den Kirchdörfern des Kreises seien das 1400 gegründete Engelstein, Kruglanken zwischen dem Goldapgar- und Kruglinnensee, Rosengarten an der Bahnstrecke Angerburg—Rastenburg, Buddern und Benkheim am Goldap­fluß genannt. — An der Ostgrenze des Kreises nahmen der B o r k e n e r und der H e y d t ­w a l d e r Forst eine große Fläche ein. — Nördlich der Oberförsterei Heydtwalde liegt nahe der Goldaper Kreisgrenze das Dorf Kerschken, in dem bis zum Ende des vorigen Jahr­hunderts durch Kriegsteilnehmer von 1870/71 „Die Schlacht bei Sedan“ in origineller Weise gefeiert wurde.
Patenschaftsträger für den Kreis Angerburg ist der Landkreis Rotenburg (W ü m m e) in Niedersachsen.

Quelle: Ostpreussen 1440 Bilder von Emil Johannes Gutzeit, Verlagshaus Würzburg 2001